Wer wohnt nicht gern citynah? Direkter Innenstadtanschluss, vierspurige Hauptverkehrsstraße mit Straßenbahnverkehr im vier Minuten Takt unmittelbar vor der Haustür. Nette Nachbarn im Haus, attraktives Umfeld mit zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten (mit Apotheken-, Matratzendiscounter- und Ramschladenüberschuss) - wir blicken dem Ende unserer Zeit in der Berliner Allee entgegen.
Ich will ehrlich sein, ein einladend großzügiger, herrschaftlich anmutender Hausflur hat uns damals verblendet, uns den Blick für das Wesentliche verklärt. Zu sechst in einer Wohnung mit drei Zimmern wohnend, waren wir beeindruckt von der Größe dieses Domizils, so dass wir über eine komplette Badsanierung, Küchenumbau, Renovierungsarbeiten (mit Fenster und Türen abschleifen und streichen, was wir bis heute nicht geschafft haben) blauäugig hinweg sahen. Wir erkannten den schlechten und für unsere Wohnbedürfnisse ungünstigen Schnitt der Wohnung nicht, ignorierten erste Anzeichen von nachbarschaftlichen Anfeindungen und zogen voller Wohlgemut ein. Vier Jahre, die zweite Mieterhöhung und den -xten Nachbarschaftsstreit später, träumten wir vom eigenen Haus. Ein Traum, unerreichbar für uns, aufgrund unserer untoppen Bonität. Eine nette Wohnung in einer netteren Gegend mit einem netteren Mietzins hätte uns allenfalls genauso glücklich gemacht. Aber die Suche nach geeignetem und bezahlbaren Wohnraum für eine sechsköpfige Familie resignierte uns schnell. Zu klein, zu teuer, noch blödere Gegenden.
Just in diesem Moment, dem Höhepunkt meiner Resignation, hatte das Schicksal mit uns Erbarmen (oder auch nicht, das wird sich erst noch zeigen!) und offenbarte uns ein vom Verfall bedrohtes Backsteingebäude in Berlin Malchow. Angrenzend an das wunderbare Naturschutzgebiet, unser kleines Läuferparadies, in dem wir unsere zahlreichen langen, qualvollen Longjoggs im Rahmen der Marathonvorbereitung absolvierten. Ich liebe diese Gegend, in der mir regelmäßig Reiher, Eisvögel, Füchse, Rehe und Kaninchen begegnen, wo Hunde Hunde sein dürfen und sich einsame Langstreckenläufer mental auf große Ereignisse vorbereiten können.
Der Eigentümer des Backsteingebäudes (eine alte Scheune), bot uns an, wir könnten uns die Fläche (300 qm) zu Wohnzwecken ausbauen. Zum Selbstkostenpreis versteht sich. Als Gegenleistung - günstiger unveränderbarer Mietzins (2,30 Euro ) für die nächsten dreißig Jahre und Wohnrecht für diese Zeit. Wir hingen am Haken. Kostenfreie Gartennutzung (600 qm) unter der Bedingung, wir kümmern uns selber um die Fläche (endlich - Kartoffeln anpflanzen, Möhren, Kopfsalat...Schafe halten, Ponys, Blumen wohin das Auge reicht!!). Immer tiefer bohrte sich der Haken in unsere Köpfe. Und umso trauriger zappelten wir mit Armen und Beinen, denn woher sollten wir das Geld für den Ausbau nehmen? Schätzungen beliefen sich auf 30.000 bis 50.000 Euro für 150 bis 180 qm Fläche. Voller Euphorie und ahnungslos planten wir drauflos. Fenster hier, Türen da, Zimmer dorthin, Bad hierhin. Wir träumten uns bereits im Garten liegend, als der von uns bestellte Architekt uns an einem verregneten Novembertag aus unserem Traum riss. Mängel, die wir nicht gesehen hatten wurden plötzlich deutlich. Das Dach war komplett zerstört, das Mauerwerk nass. Mit dem Eigentümer hatten wir vereinbart, dass er das Dach erneuert und die Fläche entkernt sowie die Medien bis ins Gebäude legt. Der Rest würde uns obliegen. Dachdämmung, Fenster, Türen, Fußboden, Wände stellen, Verputzarbeiten, Heizungsinstallation, Sanitäranlagen, Elektroinstallationen. Machbar, aber wir sollten den Aufwand - arbeitstechnisch und finanziell - nicht unterschätzen, gab er uns vorsichtig mit auf den Weg. Und wies uns erbarmungslos auf die direkt über dem Haus verlaufende Hochspannungsleitung hin. Elektrosmog! Unser Traum rieselte wie Sand in einer Sanduhr aus unseren Köpfen. Hinzu kam ein kleiner Stichpunkt im Gutachten zum Gebäude: Denkmalschutz!
Wochenlang recherchierten wir zum Thema Elektrosmog. Fanden Erschreckendes und Beruhigendes zugleich. Hin- und hergerissen zermarterten wir uns die Köpfe, diskutierten nächtelang, ob und für wieviel Gesundheitsrisiko wir die Verantwortung übernehmen könnten gegenüber unseren vier Kindern und uns selbst. Wir sprachen mit Ärzten, Bausachverständigen und Mitarbeitern von Vattenfall. Wir ließen Messungen durchführen, sprachen mit Strahlenschutzbeauftragten und stellten fest, dass wir längst von Elektrosmog umgeben waren und befanden das Risiko für nicht höher als weiterhin in unmittelbarer Nähe einer Straßenbahnoberleitung zu leben. Wir hatten keine Alternative.
Die Hürde Denkmalschutz nahmen wir mit einem laschen Hüpfer, denn das Gebäude durfte lediglich nicht abgerissen werden. So langsam dämmerte uns auch der Hintergrund, warum uns der Eigentümer geradezu selbstlos mit zahlreichen Angeboten entgegenkam. Er brauchte uns, um das Gebäude zu erhalten. Damit konnten und können wir leben. Eine Hand wäscht eben die andere.
Die dritte Hürde war die Finanzierung. Auch diese erschien uns Anfangs größer und schier unüberwindbar. Doch - an dieser Stelle einen herzensgroßen Dank an unsere Financiers - auch diese konnten wir mit Hilfestellung überspringen.
Hürde Nummer vier war die Kostenplanung. Wir hatten nun eine konkrete Summe zur Verfügung und konnten in mühsamer Kleinarbeit und Recherche, Preise von den benötigten Materialien sammeln. Es erfordert viel Geduld und ebenso viel Ausdauer, auch nach kleinsten Kleinigkeiten zu recherchieren - was zum Beispiel kostet ein Lichtschalter und wie viele benötigen wir? Marathontraining sei Dank - mit wunden Fingerkuppen und heiß telefonierten Ohren schrieben wir seitenweise Listen mit Preisen, durchforsteten Angebote von Herstellern, Lieferanten und Dienstleistern. Summa summarum: 38.000 Euro. Einzige Bedingung - wir müssen den gesamten Innenausbau in Eigenleistung erbringen. Schaffen wir das? Job, Kinder, eigene Bedürfnisse, eventuelle Krankheitsfälle nicht berücksichtigt und dann jede freie Minute auf einer Baustelle hängen? Vier Monate lang, ein halbes Jahr, länger? Welche Unwegbarkeiten erwarten uns? Und immer wieder die eine Frage: halten wir das durch? schaffen wir das? Jo, wir schaffen das! Es hat einen Sinn, es bringt uns dorthin, wohin wir wollen. Wir schaffen das!
Aus der vagen Risikoschwangerschaft ist in zwei Monaten ein Baby geworden, das kurz davor ist, das Licht der Welt zu erblicken: unser Malchow-Projekt. Geboren aus der Kraft des Willens und einer gehörigen Portion Hartnäckigkeit - Gratulation Marco! Immer noch risikobehaftet, infektanfällig, aber inzwischen machbar. Aber so sind Neugeborene nun mal. Sie machen gehörig viel Arbeit. Sobald das Dach neu gedeckt ist, die Fläche entkernt ist, die Medien gelegt sind, werden wir mit dem Ausbau unseres neuen Domizils anfangen. Übrigens Malchow gehört zu Hohenschönhausen, Großbezirk Lichtenberg... und ist über die B2, die den "Arsch der Welt" mit der City verbindet, und auch noch am öffentlichen Nahverkehrsnetz angeschlossen ist, perfekt zu erreichen! :-)
Wie es weitergeht mit unserem "Baby", ob es laufen lernt, alle Höhen und Tiefen, Rückschläge, Erfolge - lest sie hier und bangt und hofft mit uns!
Dienstag, 27. November 2007
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